Hung Li Tscheng oder Der Drache am gelben Meer. Eine Erzählung für die reifere Jugend und das deutsche Haus von Friedrich Meister. Mit 4 Tonbildern und 20 Textbildern von E. Klingebeil.- Leipzig: Verlag von Abel & Müller. 1900.

(X SS., 1 Porträt von Friedrich Meister), 262 SS., 2 SS.(Vlgs-anz)

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Man ist bei uns gewohnt, die Chinesen als komische Käuze zu betrachten, weil ihnen der Zopf noch hinten hängt. Und nicht nur das, man hält sie auch für ein zurückgebliebenes, versumpftes Volk, an dem nur wenig gutes sei und dem mit Gewalt europäische Kultur beigebracht werden müsse. Das sind Irrtümer. Je eher wir dies einsehen lernen, je eher wir zur richtigen Würdigung des chinesischen Volkes gelangen, desto nützlicher wird dies für uns sein.
Die Chinesen begannen ihre nationale Existenz in einer Zeit, von der wir keine Kunde mehr besitzen. Sie haben die Babylonier und die Ägypter überlebt, sie haben die Perser, die Griechen und die Römer überlebt, und es wird noch die große Frage sein, ob sie nicht auch uns überleben; denn die Chinesen besitzen heute ebensoviel Jugend, ebensoviel Lebenskraft, als die jüngste der jungen Nationen. Sie sind ein Volk von etwa 400 Millionen der fleißigsten, genügsamsten, friedlichsten, nüchternsten und vielleicht begabtesten Menschen der Erde.
Die Kulturvölker Europas haben sich während der letzten 250 Jahre von einem niedrigen Standpunkt bis zu der hohen Stufe entwickelt, auf der wir uns gegenwärtig befinden, im letzten Jahrhundert mit reißender Schnelligkeit. Die Chinesen dagegen besaßen eine verhältnismä0ig hohe Kultur schon vor 5000 Jahren, und auf dieser Grundlage haben sie, langsam aber sicher, nach und nach weitergebaut.
Die Zukunft wird einen gewaltigen Kampf zwischen der Kultur des Ostens und der des Westens beobachten können. Wie das Resultat sein wird, das ist heute nicht abzusehen. Der Kanonendonner, der vom fernen Peiho herüberdröhnt, während dies geschrieben wird, hat darauf keinen Einfluß, ebensowenig die Einnahme von Peking durch die verbündeten Truppen der Westmächte. Denn nicht um einen Kampf der Waffen handelt es sich bei dem bevorstehenden Ringen des Westens mit dem Osten, sondern um einen Kampf der Kulturen, und der wird bedeutungsvoller und folgenschwerer sein, als irgend ein Zusammenstoß zwischen den Rassen der Erde bisher gewesen ist.
Bei der Voreingenommenheit, die allgemein gegen die Chinesen herrscht, weil sie ihr Land für sich allein behalten und mit Ausländern so wenig als möglich zu thun haben wollen, wird mit Vorliebe immer nur auf die Schattenseiten jenes Volkes hingewiesen. Wohl sind diese Schattenseiten zahlreich und düster, aber keineswegs zahlreicher und auch nicht düsterer, als die der europäischen Völker, und was die Lichtseiten anlangt, so sind die der christlichen Nationen nicht glänzender, als die der heidnischen Anhänger des Mencius und des Confucius.
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Aus dem Vorwort

003-10
080116

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